UNICEF-Foto des Jahres

Ausstellung „UNICEF-Foto des Jahres“

Erster Preis 2015: „Schiere Verzweiflung“ Fotograf: Georgi Licovski, Mazedonien
Erster Preis 2015: „Schiere Verzweiflung“ Fotograf: Georgi Licovski, Mazedonien

 

Ausstellung zum Wettbewerb „UNICEF-Foto des Jahres 2015“

vom 11.07. – 30.09.2016 im Rathaus der Stadt Meißen

Ab dem 11. Juli 2016 wird der Meißener Kulturverein e. V. im Rathaus der Stadt Meißen 70 Fotos von 11 im Wettbewerb 2015 ausgezeichneten oder besonders erwähnten Fotografen zum Teil großformatig der Öffentlichkeit zeigen.

Mit der Auszeichnung „UNICEF-Foto des Jahres“ prämieren UNICEF Deutschland und das Magazin GEO im Verlag Gruner + Jahr GmbH & Co KG einmal im Jahr Fotos und Fotoreportagen, die die Persönlichkeit und Lebensumstände von Kindern weltweit auf herausragende Weise dokumentieren.

Detaillierte Informationen zu den Reportagen und dem Wettbewerb „UNICEF-Foto des Jahres“ finden Sie im Internet auf www.unicef.de/foto.

Die Ausstellung im Meißner Rathaus

„Gute Fotografien durchbrechen die Beliebigkeit der Bilderflut unserer Tage. Sie lassen uns innehalten und hinschauen“, so Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender UNICEF Deutschland. „Die Bilder des Wettbewerbs bilden nicht einfach die Wirklichkeit ab, sondern nehmen uns mit in die Welt der Kinder. Manche erzählen von ihrer Not, ihrer Verzweiflung, andere von ihrer Freude und ihren Träumen. Indem sie zeigen, was es bedeutet, ein Kind zu sein, erinnern sie uns an unsere gemeinsame globale Verantwortung, für die Rechte der Kinder einzutreten.“

Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015 hat einen Aspekt der Globalisierung gezeigt, der mit heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen auch in unserer städtischen Gesellschaft einherging. Der Meißener Kulturverein e. V. war und ist Teil dieser Diskussion. Im Dezember 2015 haben wir unter dem Motto „Miteinander für Meißen“ eine Lichterkette mit organisiert, an der in besonders hohem Maße auch Kinder und Jugendliche teilgenommen haben.

Wir freuen uns, mit der Ausstellung „UNICEF-Foto des Jahres 2015“ einen weiteren Beitrag zur öffentlichen Diskussion in Meißen leisten zu können. Denn die Ausstellung bringt eines ganz aktuell zum Ausdruck: Wir können und dürfen uns dem Schicksal der Menschen in anderen Teilen der Welt nicht entziehen, weil Fragen der Entfernung in Kilometern immer unbedeutender werden, erlebbar in den Fotos dieser Ausstellung.

Wir freuen uns, wenn Sie die Ausstellung besuchen, uns gerne auch eine Rückmeldung geben.

Meißener Kulturverein e. V.
Dr. Walter Hannot Vorsitzender


Wir danken unseren Unterstützern und Partnern, ohne die diese Ausstellung nicht möglich wäre:
Lutz Heimrich, SUPERIORE.DE GMBH, Coswig
Olaf Raschke, Oberbürgermeister Große Kreisstadt Meißen
Eric Schäffer, Privatbrauerei Schwerter Meißen GmbH, Meißen
Thomas Starke, ProBau Kugel GmbH, Meißen
Tina und Armin Viehöver, Düren
Antje Walter, Steuerberaterin, Meißen

 

Öffnungszeiten:
Ausstellung vom 11.07. – 30.09.2016 im Rathaus der Stadt Meißen, Markt 1

Mo, Mi, Do: 7.00 Uhr – 16.00 Uhr 
Di: 7.00 Uhr – 18.00 Uhr 
Fr: 7.00 Uhr – 12.00 Uhr
Darüber hinausgehende Öffnungszeiten an einzelnen Wochenendtagen werden gesondert bekannt gegeben.

www.meissener-kulturverein.de

Texte zur Ausstellung

Begrüßung durch Dr. Walter Hannot, Vorsitzender

Sehr geehrter Herr Banoswski,
lieber Herr Gaede,
sehr geehrte Herren Stadträte,
liebe Mitglieder und Freunde des Meißener Kulturverein,
sehr geehrte Damen und Herren,

mit der Auszeichnung „UNICEF - Foto des Jahres“ prämieren UNICEF Deutschland und die Zeitschrift GEO einmal im Jahr Fotos und Fotoreportagen, die die Persönlichkeit und Lebensumstände von Kindern weltweit auf herausragende Weise dokumentieren. Seit dem Start 2000 beteiligen sich jährlich die besten Bildjournalisten aus aller Welt daran. Voraussetzung für die Teilnahme ist die Nominierung durch einen international renommierten Experten der Fotografie.

Das Siegerfoto des Jahres 2015 zeigt die große Verzweiflung von Flüchtlingskindern an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der Fotograf Georgi Licovski (epa) hielt den Augenblick fest, als dort am 21. August 2015 zwei Kinder zwischen vordringenden Menschenmassen und Grenztruppen von ihren Eltern getrennt wurden. Dieses Foto wurde im Dezember 2015 ausgezeichnet und war anschließend in vielen Medien zu sehen.

Dieses Foto war dem Meißener Kulturverein Anlaß, sich mit der Gesamtthematik des Wettbewerbs näher zu befassen. Dabei sind wir auf mehr als 100 Fotos von 11 Fotografen gestoßen, zu ganz unterschiedlichen Themen, inhaltlich bemerkenswert und handwerklichh perfekt, teilweise aber auch schwer auszuhalten.

In der Folge haben wir bei UNICEF Deutschland in Köln angefragt, ob wir aus diesen Fotos eine Ausstellung machen dürfen, was positiv beschieden wurde. Die UNICEF, namentlich Frau Bücker und Frau Rupprecht, haben dann rechtliche Fragen geklärt, Daten aufbereitet und uns mit viel Inhaltlichem zu den Themen und Fotografen versorgt. Dafür ein großes Dankeschön!

Wir sind der Auffassung, daß eine solche Ausstellung in den öffentlichen Raum gehört, dorthin, wo diskutiert und gestritten wird, wo sich aber auch ein Stück des bürgerlichen Gemeinschaftssinns manifestieren sollte, und das ist ganz Vorne das Rathaus. Ein Dankeschön an Herrn Oberbürgermeister Raschke, daß er unser Rathaus dafür zur Verfügung gestellt hat. Danke auch an den Hausmeister und alle, die uns hier vorOrt gehoben haben.

Sehr herzlich bedanken möchte ich mich bei Dr. Uwe Winkler, der die Ausstellung entwickelt und umgesetzt hat. In wochenlanger Detailarbeit hat er die Fotos ausgewählt, die Präsentationsform konzipiert, die Produktion auf unterschiedliche Formate gesteuert, das Gesamtkonzept erstellt. Dabei war es uns wichtig, die Fotos angesichts der Themen nicht einfach nur als "schöne Fotos" auf Hochglanz vor weißem Hintergrund zu präsentieren. Das wäre sicherlich der Qualität der Fotos gerecht geworden, aber in einigen Fällen sicher nicht dem Inhalt. Denn dieser Inhalt ist sehr vielseitig, manchmal auch verstörend und schwer erträglich, zeigt neben Freuden auch viel Elend und Not von Kindern auf dieser Welt. Uwe Winkler hat den Hochglanz der Fotos in gewisser Weise dadurch gebrochen, daß er sie zum Teil an Bauzäune gehängt hat. Denn Zäune sind es, die nach dem Willen Vieler uns in Europa zunehmend vom Elend jenseits der Zäune trennen sollen. "Der Zaun", gedacht als unüberwindliches Hindernis, ist geradezu zum Symbol bestimmter politisch-gesellschaftlicher Auffassungen geworden.

Und hier komme ich zur politisch-gesellschaftlichen Thematik dieser Ausstellung. Sie ist natürlich auch hoch-politisch, stellt sie doch jedem einzelnen Betrachter die Frage, ob die Inhalte der Fotos auch ihn etwas angehen. Im Meißener Kulturverein haben wir die Frage mit „Ja!“ beantwortet, denn die Fotos zeigen, daß uns in der heutigen globalisierten Welt nicht nur die Vorteile der Globalisierung „gehören", sondern auch die Probleme auf dieser Welt uns näher kommen. Und dies gilt ungeachtet der Verursachung grundsätzlich für alle Not, die Menschen und besonders auch Kinder erleiden. Diese Not ist nur wenige Stunden von uns entfernt.

Es gab diese ebenso gruselige wie empathielose Äußerung eines deutschen Politikers, „wir müssen die Grenzen dicht machen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen“. Wer dieser Auffassung ist, kann in unserer Ausstellung in manche Kinderaugen schauen, die ohne Worte erklären, wie grausam diese Äußerung war. Die Ausstellung stellt Fragen, sie gibt keine Antworten. Sie informiert, aber sie interpretiert nicht selbst. Wir wünschen ihr daher zahlreiche Besucher.

Ehe ich das Wort weiter gebe an Herrn Peter Gaede, möchte ich mich noch bei den zahlreichen ungenannten Helfern bedanken, von Grafik über Text bis Produktion, von Aufbau bis Werbung und Organisation. Ohne dieses große Engagement wäre die Ausstellung nicht geworden. Genau so danke ich aber auch den materiellen Sponsoren für Ihre Beiträge, die uns genau so weiter geholfen haben.

Lassen Sie mich mit einer bekannten Redewendung schließen, die da heißt: "Wenn man vom Rathaus kommt, ist man klüger“. Dazu mag ein jeder denken, was er will, auf die Besucher dieser Ausstellung wird das aber auf jeden Fall zutreffen. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und gebe nun das Wort weiter an Peter-Matthias Gaede, ehemals Chefredakteur von GEO, heute u.a. Vorstandsmitglied von UNICEF Deutschland. Er ist heute Morgen in Kassel gestartet zu uns nach Meißen, wird morgen weiter fahren nach Hamburg. Herr Gaede, vielen Dank für die Mühen, die Sie für uns auf sich genommen haben.

Peter-Matthias Gaede: Die Kinder, die wir sonst nicht sehen

Einführung in die UNICEF-FOTOS DES JAHRES

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

     Die großen Augen eines kleinen Mädchens, das niedliche Rinnsal aus der Nase, das wuschelige Haar – es sind solche Bilder, auf die Hilfsorganisationen gewöhnlich setzen, wenn sie um die Hinwendung zu jenen werben, die auf den Schattenseiten, in den Elendszonen unseres Planeten existieren. Es sind solche Bilder, die noch das Müllkind in Manila heimfähig machen sollen im Herzen der Spender – und wenn sie das immerhin schaffen, ist es auch gut so.

     Doch die Entscheidung für das „Unicef-Foto des Jahres“, aus dessen Geschichte in der vorliegenden Ausstellung einige Exponate zu sehen sind, war deutlich mutiger. Das „Unicef-Foto des Jahres“, zur Jahrtausendwende gestartet und seither alljährlich als internationaler Wettbewerb ausgerichtet, ist von Anfang an ohne Süßstoff, ohne Kuschelfaktor ausgekommen. Was hier gezeigt wird, sind also nicht nur entzückende Gesichter. Was hier gezeigt wird, tut überwiegend weh. Es kann und soll auch stören, verstören, weil es mit der Armut der Armut konfrontiert, nicht nach der Anmut der Armut sucht. Laut Ausschreibung würdigt der Wettbewerb Einzelbilder und Foto-Reportagen, in denen die Persönlichkeit und die Lebensumstände von Kindern weltweit auf herausragende Weise dokumentiert werden: herausragend in der inhaltlichen Substanz, eindringlich in ihrer Ästhetik, überzeugend auch in ihrer Empathie.

     Weltweit. Lebensumstände. Das sind zwei Wörter, die unmittelbar zum Inhalt der Pressemeldungen führen, die Unicef manchmal fast im Monatstakt herauszugeben gezwungen ist: „Jedes zehnte Kind wächst im Krieg auf“, „Jedes vierte Kind ist unterentwickelt“, „Für 57 Millionen Kinder gibt es kein Klassenzimmer“...

     Hunderte professionelle Fotografinnen und Fotografen von allen Kontinenten haben sich, jeweils vorgeschlagen von Experten der internationalen Foto-Community, in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten am Unicef-Fotowettbewerb beteiligt. Und in der Jury unter Prof. Klaus Honnef hat Unicef nur eine von acht Stimmen. Dennoch ist es sinnstiftend, dass es bei einem Wettbewerb, dessen Namensgeber ein Kinderhilfswerk ist, eben selten um Nachrichten von den Inseln der Seligen geht, selten um Bilder des reinen Glücks, der friedlichen Geborgenheit, des sorgenfreien Spielens. Selten um jene weltweite Minderheit der Jungen und Mädchen, die all das haben, was ihnen die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen verspricht: die Freiheit von Angst und Gewalt und Hunger und Ausbeutung und Missbrauch, das Recht auf Gesundheit und Bildung und Schutz und Mitsprache.

       Das „Unicef-Foto des Jahres“ hat Appell-Charakter. Es konfrontiert mit blood, sweat and tears, mit dem sprachlosen kindlichen Entsetzen in kriegszerstörten Hospitälern und Trümmerlandschaften; mit Stacheldraht und Flüchtlingshütten; mit zwangsverheirateten Mädchen und mit Jungen, die Arme und Beine bei Bombenexplosionen verloren haben; mit Kindern, die in kongolesischen Minen arbeiten oder den Elektromüll unserer Konsumwelt von qualmenden Halden klauben; mit Kindern, deren Väter Sextouristen waren und über alle Berge verschwunden sind; mit Kindern, deren Eltern stolz darauf sind, ihrem Nachwuchs möglichst früh eine automatische Handfeuerwaffe zu schenken oder sie als Barbie-Puppen in Schönheitswettbewerbe zu zwingen. Man könnte auch sagen: Das „Unicef-Foto des Jahres“ visualisiert die To-do-Liste der internationalen Staatengemeinschaft, würde die tatsächlich ernst machen wollen mit den von 193 Nationen unterschriebenden Kinderrechten.

     Können Bilder Kriege beenden? Es gäbe keine Kriege mehr, wenn sie das könnten. Wohl aber gibt es diese kleine Hoffnung, und sie verbindet sich auch mit dem „Unicef-Foto des Jahres“, dass Bilder manchmal Schutzmauern bilden können, indem sie für das Beschützenswerte sensibilisieren. Dass sie mentale Barrieren einreißen können, indem sie in ungesehene Räume führen. Dass sie aktivieren können, weil sie die Trägheit stören. Bilder können beweisen, was verdrängt wird; sie können Pflöcke in unsere Erinnerung schlagen. Sie können Abscheu hervorrufen und Ekel, Furcht und Empörung – und sie können zu Mitgefühl befähigen, sie können ihm einen Anker geben, dem Bewusstsein eine visuelle Grundierung.

     Und das Müllkind in Manila kann sogar hässlich sein, eine Gaumenspalte haben – und verdient nicht weniger unsere Hilfe. Und die Drogenabhängigkeit von 13-Jährigen in St. Petersburg kann zum Verzweifeln sein – und ist trotzdem nicht geeignet für Kapitulationserklärungen. Und das Kind im Schlamm von Port-au-Prince hätte auch ohne weißes Kleidchen seine Würde; es soll sich nicht hübsch machen müssen, auf dass wir es wahrnehmen und bewundern. Dies zu verdeutlichen, ist ein weiterer Verdienst des „Unicef-Fotos des Jahres“, das jedes Jahr kurz vor Weihnachten, wenn es verkündet wird, für einen Moment des Hinsehens sorgen will. Vielleicht des Innehaltens. Und manchmal auch für einen Augenblick der Begeisterung über die Vitalität der Kinder trotz allem.

     Compassion fatigue, Mitleidsermüdung. Eine Gefahr, der auch humanitäre Organisationen ausgesetzt sind in Zeiten, in denen sich die Wahrnehmung und Überlagerung immer neuer Katastrophensituationen in dem Bedürfnis der Rezipienten verdichtet, nur noch abzuschalten, wegzuschauen. Es ist dies auch eine Flucht vor dem Alarmismus vieler Medienmacher, die mit ihren Superlativen für Überdruss, Abkehr, Überforderung sorgen. Dass das „Unicef-Foto des Jahres“ dagegen angehen kann, ist natürlich nicht garantiert. Aber es ist ein Versuch; an ihm beteiligt sind die weltbesten Fotografen der Gegenwart.

     Sie alle haben die Komfortzonen unserer wohltemperierten westlichen Welt verlassen, sind oder waren in Syrien und im Irak unterwegs, in Honduras und Haiti, in Liberia und dem Niger, in Afghanistan, Somalia, Indien, Sibirien und auf dem Gaza-Streifen, um uns von jenen Menschen zu berichten, von denen wir sonst nichts wüssten. Sie alle verwechseln ihre Kameras nicht mit Schnellfeuerwaffen zum Abschießen erstbester Effekte. Selbst in exzessiven Situationen machen sie oft eher stille Bilder, die ihre Eindringlichkeit dem zweiten Blick auf sie verdanken. Und übrigens wissen sie alle: Journalismus kann tödlich sein; jedes Jahr liefert dafür Beweise nicht nur aus der Ostukraine oder Afghanistan.

     Gleichwohl ist es ein gegenwärtig häufig anzutreffender Verdacht, Stichwort „Lügenpresse“, selbst der Umgang mit dem Leid auf der Welt sei spekulativ, und dieser Verdacht trifft auch die Fotografen. Ein ungerechter Verdacht. Sicher ist nicht jeder Fotograf des Elends per se im Besitz einer höheren Moral. Aber jeder Foto-Reporter, der keinen Marmorbruch anstelle seines Herzens hat, kennt das ungemütliche Gefühl: Er wird, er muss Geld verdienen mit dem Leid, das er in der Digitalkamera hat. Und während er im Landeanflug auf seinen Heimatflughafen ist, werden die Kinder auf seinen Bildern, die Kinder, die er in Aleppo zurückließ, in einem Flüchtlingszelt im Irak, an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland, an einem Strand der Insel lesbos, in einem chinesischen Waisenhaus weiter bluten, weiter zittern, weiter obdachlos sein, weiter fliehen, vielleicht schon nicht mehr leben. Er wird gute Bilder gemacht haben, die nun vielleicht in einer Ausstellung in Remagen zu sehen sind, er wird womöglich hören, er mache sogar zu gute Bilder, er dürfe nicht in Farbe arbeiten, er ästhetisiere. Und die nicht so Zynischen werden den Reporter in heiliger Naivität fragen, weshalb er das geschlagene Kind denn nicht befreit, das hungernde Kind denn nicht adoptiert habe.

     Was also bedeutet es für Journalisten, sich nicht auf Königshochzeiten und Bilanzpressekonferenzen herumzudrücken, sondern von der Gewalt gegen Kinder zu erzählen, der manifesten wie der strukturellen? Es bedeutet, dass selbst von Fotografen, die dorthin gehen, wo es extrem ungemütlich ist, nicht zuviel verlangt werden darf. Dass der Mensch nicht um jeden Toten trauern kann, ist eine Überlebenskonstante, die nicht außer Kraft gesetzt ist für Journalisten. Auch die selbstlosesten „Ärzte ohne Grenzen“, auch die tapfersten Unicef-Länderchefinnen in Syrien oder im Irak werden das Gewehrfeuer und die einstürzenden Dächer über sich zu meiden versuchen im letzten Moment. Aber wie die Rotkreuz-Mitarbeiter in Somalia, wie die Unicef-Mitarbeiter im Südsudan gibt es glücklicherweise nicht wenige Journalisten, die zu riskantem Engagement fähig sind. Der Vorwurf der Sensationsgier muss sie nicht treffen. Sie berauschen sich nicht, sie berichten. Sie führen nicht vor, sie nehmen teil. Sie arbeiten nicht ab, sie arbeiten sich ein. Sie rauben Geschichten nicht, sie überbringen sie, auf dass uns die Augen aufgehen. Und sie gehen über die Grenze, hinter der es für sie selber ungewiss ist. Alles das möchte ich Ihnen hier sagen, weil Sie es nicht auf jedem Foto in dieser Ausstellung gleich sehen können. Aber es steht dahinter.

     Etwas Altmodisches ist da oft im Spiel: Verantwortungsgefühl. Alice Smeets zum Beispiel, eine junge, fast mittellose belgische Fotografin, ging zurück nach Haiti, von wo sie ein vor Jahren ausgezeichnetes Foto mitgebracht hatte, um in Hospitälern zu helfen. A.K.M. Akash, Bangladeschi, ebenfalls schon beim „Unicef-Foto des Jahres“ vertreten, schenkt jenen Familien, die er fotografiert hat, aus dem Erlös seiner Arbeit Geld zum Aufbau eines kleinen Business. Stephanie Sinclair, bekannt geworden mit ihren Fotos von zwangsverheirateten Mädchen, hat eine Schutzinititiave für Mädchen gestartet, die ihrem Schicksal entfliehen wollen.

     „Kinder werden nicht zu Menschen, sie sind es bereits.“ Das sagte jener großartige, tapfere polnische Kinderarzt jüdischen Glaubens, der Reformpädagoge Janusz Korczak, der mit den ihm anvertrauen Waisenkindern den Weg aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka ging.  „Die Natur will, dass die Kinder Kinder sein sollen.“ Das schrieb jener Jean-Jacques Rosseau, auf den sich Montessori, Freinet und Pestalozzi berufen sollten, und der aufräumte mit der Vorstellung, Kindheit sei nachwachsende Ressource, nicht aber schützenswerte Lebensphase. Wäre es nur so überall auf der Welt. Das „Friedensreich“ für die Kinder, das schon im Mittelalter Comenius vorschwebte, die Befreiung von jeglicher Gewalt, die Henry Bergh 1875 mit der Gründung des weltweit ersten Kinderschutzbundes erreichen wollte – alles das ist ein Traum bis heute.

     Umso mehr kommt es darauf an, an diesen Traum zu erinnern. Auch mit Bildern.

     Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit.

© Peter-Matthias Gaede